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Im 200. Todesjahr von Joseph Haydn gibt Re:Haydn mit 12 Remixes die erste zeitgemäße Antwort auf die Musik des großen österreichischen Komponisten. Was sagt uns Haydn heute? Ehrlich: Fast nichts. Und genau darum soll es auch gehen. Zumindest die meisten der versammelten Remixer haben sich vor dieser künstlerischen Auseinandersetzung nie mit Joseph Haydn beschäftigt. Aber, und das zählt, alle wollten sich auf sein Werk einlassen. Und natürlich kannten sie den Großvater der Ersten Wiener Klassik. Zumindest dem Namen nach.
In der Welt der zeitgenössischen, elektronischen Musik ist Klassik ein Fremdkörper. Ja, es gibt sie, die anspruchsvollen Projekte. Gerade im Jahr 2008 setzten sich der Detroiter Techno-Großmeister Carl Craig und der Gründer des Basic Channel Labels Moritz von Oswald vielbeachtet mit Ravel und Mussorgski auseinander. Francesco Tristano stellte seinen eigenen Hybrid aus ‚ernst' und ‚elektronisch' vor. Das Gas-Projekt von Kompakt- Chef Wolfgang Voigt wurde wiederveröffentlicht: Er hatte Ende der Neunziger Jahre Wagner zerdehnt und eine an Ambient Music geschulte Auseinandersetzung mit vermeintlich ur-deutschen Klangbildern gewagt. Steve Reich und die Minimal Music standen bei elektronischen Musikerinnen und Musikern vergleichsweise konstant hoch im Kurs, der hier vertretene Patrick Pulsinger bearbeitete Tschaikowskis "Schwanensee".
Aber: All dies waren immer singuläre Anstrengungen. Der Großteil elektronischer Musik findet dagegen im gut geölten Clubbetrieb statt. Diese Einzelleistungen nun wurden vom Feuilleton – wie auch in Fachgazetten – stark beachtet, denn immerhin lässt sich mit solchen Projekten der Mythos aufrecht erhalten, dass klassische Musik weiterhin für die Jugend relevant sei.
Die Wahrheit ist allerdings, dass das Publikum in klassischen Konzerten derzeit pro Jahr um durchschnittlich cirka sechs Monate altert und die fünfzig bereits deutlich ü¨berschritten hat. Insofern haben alte klassenkämpferische Parolen um E- und U-Musik durch die demografische Entwicklung an Relevanz verloren, der Geruch der hermetischen Bildungselite hat sich weitgehend verflüchtigt. Und das schafft Raum um sich heute sowohl differenziert, wie auch bewusst ungehobelt mit Haydn zu beschäftigen. Um etwa Haydns Musik nur als beliebig bearbeitbaren Sound weiter zu verwenden; oder sie wie einen Fremdkörper als Verweis auf eine andere Epoche in deutlichem Kontrast zu den aktuellen Musik-Produktionsmitteln stehen zu lassen.
Dennoch – und das ist durchaus überraschend und zeigt ungeahnte Potenziale auf – gar nicht wenige der hier versammelten Remixer haben eine klassische Ausbildung genossen. Sie wissen also um das enorme Erbe der klassischen Funktionstheorie und somit auch für ihre – also unsre – Zeit. Andere waren aus persönlichen Gründen oder der persönlichen Neugierde halber an dem Projekt interessiert. Dementsprechend wurden auch durchwegs unterschiedliche Bearbeitungswege des Originalmaterials eingeschlagen. Von der vorsichtigen Transformation und Neubelichtung des ursprünglichen Aufnahme (Electric Indigo, Bonustrack der Special Edition) bis hin zur Reduktion auf Melodiepartikel des Originals (Ogris Debris) reicht diese Palette.
Der häufigste Weg ans Ziel führte über Sampling – übrigens ohne die sonst üblichen Einzelspuren. Eine Vorselektion des umfangreichen Materials von Joseph Haydn traf dabei der Klassikchef der österreichischen Tageszeitung Die Presse, Wilhelm Sinkovicz, in Hinblick darauf, das Schaffen Haydns in seiner ganzen Breite und Fülle an Werktypen einzufangen.
Der Großteil der Beteiligten war sofort an dem Projekt interessiert, andere reagierten zögerlich oder hatten mit dem Material zu kämpfen. In jedem Fall aber macht Re:Haydn ein breites Feld an Möglichkeiten auf, wie heute mit der Musik Haydns umgegangen werden kann. Zum offiziellen Haydn-Jahr wird mit diesem Projekt um das Grab des epochalen Komponisten getanzt und seine Musik mit der nötigen Respektlosigkeit gewürdigt.
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